Die Unterhaltung (II)

Hannelore Fischer Direktiorin des Käthe Kollwitz Museum

Hannelore Fischer M.A. (c) Dörthe Boxberg

Gespräch mit Frau Hannelore Fischer, seit 1990 Direktorin des Käthe Kollwitz Museum Köln (Deutschland). Wir bedanken uns im Voraus für die Beantwortung unserer Fragen.

Das Käthe Kollwitz Museum Köln – das erste, das einzig der Künstlerin gewidmet ist – wurde am 22. April1985 eröffnet, vierzig Jahre nach ihrem Tod am 22. April 1945.

Das Bestehen dieses Museums ist der Initiative der Kreissparkasse Köln zu verdanken, die 1983 ein Konvolut von 60 Zeichnungen aus Privatbesitz erwarb, um diese vor dem Einzelverkauf zu retten. Die Ausstellungsräume befinden sich inmitten der Kölner City, am Neumarkt, und sind mit einem gläsernen Aufzug zu erreichen, denn das Museum liegt im 4. Obergeschoss der Neumarkt Passage, über den Dächern der Stadt. 

Wir empfehlen, die Website des Käthe Kollwitz-Museums zu besuchen, die zahlreiche Quellen und Informationen auf Französisch über die Künstlerin anbietet.
Im Besonderen eine Biographie und eine sehr leicht zugängliche, chronologische Zeittafel.

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Frau Hannelore Fischer, sie leisten eine ungeheure Arbeit um das Gedenken der Künstlerin lebendig zu erhalten und haben zahlreiche, reich dokumentierte Werke über sie veröffentlicht. Eines davon ist der gut durchdachte, wundervolle Katalog »Paris verzauberte mich« – Käthe Kollwitz und die französische Moderne, eine weitere bedeutende Publikation ist auch das neu erschienene Werkverzeichnis Käthe Kollwitz – Die Plastik.

1. Waren Sie eine Käthe Kollwitz Spezialistin oder haben Sie die Künstlerin sozusagen im Museum kennengelernt?

Während meines Studiums arbeitete ich gerade über die französischen Impressionistinnen, als mir mein Professor den Rat gab, mich doch auch einmal mit der bedeutendsten deutschen Künstlerin, mit Käthe Kollwitz, zu befassen. Ich nahm also ihre Tagebücher zur Hand – zugegeben, zunächst etwas ablehnend, denn das bekannte Vorurteil von Kollwitz als der schwermütigen Deutschen entsprach nicht dem, womit ich mich als junge Frau beschäftigen wollte. Aber ihre Tagebücher nahmen mich in ihren Bann. Dieses Mitfühlen und Miterleben, auch Mitleiden, das die Kollwitz als Chronistin ihrer Zeit aber auch ganz privat als Ehefrau und Mutter so innig beschreibt, hat mich gefesselt. Ich beschloss also, die Impressionistinnen in Frankreich zu belassen und mich fortan auf das Werk der Kollwitz zu konzentrieren, zunächst in meiner Magisterarbeit, dann als Mitarbeiterin und seit 1990 als Direktorin des Käthe Kollwitz Museum Köln – eine wirklich erfüllende Aufgabe. 

Anlässlich des 150. Geburtstages der Künstlerin bieten Sie mehrere Ausstellungen an, mit dem Höhepunkt:  AUFSTAND! Renaissance, Reformation und Revolte im Werk von Käthe Kollwitz. (10. März – 5. Juni 2017) », siehe die Vorstellung der Ausstellung auf der Website des Museums http://www.kollwitz.de, oder http://www.kaethekollwitz.org.

2. Diese außergewöhnliche Ausstellung zeigt eine Serie von Radierungen: den Zyklus  »Bauernkrieg«, zwischen 1902/03 und 1908 geschaffen. Diese Druckfolge gehört zu den Hauptwerken der Künstlerin und trug in großem Maße zu Ihrer Popularität bei. Man könnte meinen, dazu sei schon alles gelesen und gesagt.
In welchem neuen Licht zeigt sich diese nun dank Ihrer Ausstellung?

Der »Bauernkrieg« ist in der Tat ein Hauptwerk der Künstlerin, aber nicht nur dies: er ist auch ein Schwerpunkt unser Kölner Sammlung. In unserem Bestand befinden sich zahlreiche Vorzeichnungen, Studien oder Zustandsdrucke zum Zyklus, die teilweise noch nie in vergleichbar großem Zusammenhang präsentiert wurden. Auch die kostbaren Leihgaben – beispielsweise die originalen Radierplatten aus dem Kollwitz-Archiv der Berliner Akademie der Künste – tragen dazu bei, das Ringen der Künstlerin um jedes einzelne Blatt en Detail nachzuvollziehen. Auch ich war in der Zusammenschau überwältigt zu sehen, wie akribisch die Kollwitz jedes einzelne Blatt weiterentwickelt, was sie verwirft und was sie für zielführend befindet, welche Künstler und Werke sie inspirieren und wie experimentell sie mit den Radiertechniken arbeitet, um den stärksten Ausdruck und die stärkste Wirkung zu erzielen.
Unser Ausstellungskatalog fasst all diese Erkenntnisse zusammen – wieder ein wesentlicher Baustein der Kollwitz-Forschung, längst überfällig und deshalb als Publikation im Jubiläumsjahr zu ihrem 150. Geburtstag angemessen. 

Anlässlich des 150. Geburtstages der Künstlerin haben Sie die erste Ausstellung dem Selbstportrait gewidmet.

3. Welches sind die Eigenheiten der Selbstportraits von Käthe Kollwitz?

Wie kaum eine andere hat sich Käthe Kollwitz zeitlebens selbst reflektiert – gedanklich in ihren Tagebüchern und künstlerisch in ihren Selbstportraits – in mehr als 100 autonomen Werken. Im Käthe Kollwitz Museum Köln haben wir seit kurzem als Dauerleihgabe das früheste Selbstbildnis der Künstlerin, das erst vor etwa zwei Jahren auf einem Dachboden entdeckt wurde. Die bezaubernde Tuschezeichnung aus dem Jahr 1888, die ihre außerordentliche Begabung schon in frühen Jahren erkennen lässt, zeigt die 22-jährige Studentin, wie sie noch unsicher und mit fragendem Blick in den Spiegel schaut.
Und wir haben ihr letztes Selbstbildnis, eine Kohlezeichnung aus dem Jahr 1943 mit dem Titel »Da stehe ich und grabe mit mein eigenes Grab«. Als 76-jährige zeigt sich die Kollwitz jetzt nicht mehr portraithaft selbst, sondern in einem sogenannten »verkappten« Selbstbildnis. Eben das ist eine besondere Eigenheit, die hier sehr sinnfällig wird:
Sie verallgemeinert im Laufe ihres Schaffens ihre Züge und weitet ihr Portrait zu einem generellen Frauentypus – vor allem dann, wenn sie sich mit einem zu bearbeitenden Thema vollkommen identifiziert. Immer wieder nimmt Kollwitz sich selbst als Modell, schlüpft in Rollen und taucht so in den verschiedensten Szenen als Akteurin wieder auf – manchmal erst auf den zweiten Blick erkennbar.
War es also in jungen Jahren noch ein Suchen und Streben nach Selbstbehauptung, so reift in ihr mit wachsender Lebenserfahrung das Anliegen, ihre Persönlichkeit verdichtet herauszuarbeiten, selbstkritisch und in ungeschönten, ausdrucksstarken Physiognomien. Über das Studium ihrer eigenen äußeren Erscheinung arbeitet Kollwitz daran, das menschliche Wesen an sich zu ergründen.

Anlässlich des 20. Jubiläums des Käthe Kollwitz-Museums am 22. April 2005 hat die Enkelin Jutta Bohnke-Kollwitz in ihrer einführenden Rede die Wichtigkeit der Künstlerin für die Stadt Köln unterstrichen.

4. Wäre es denkbar, einen Stadtführer herauszugeben »Käthe Kollwitz in Köln«, der im Sinne dessen Berlins formuliert ist?

In der Tat, in ihrer Rede zum 20-jährigen Bestehen unseres Kölner Museums 2005 schlussfolgert Jutta Bohnke-Kollwitz, dass ihre Großmutter »weder in Berlin, geschweige denn in Königsberg« stärker präsent sei als hier in Köln. Und schon 1984 hatte unsere heutige Museumsträgerin, die Kreissparkasse Köln, eine Broschüre herausgegeben, die einen Stadtrundgang zu den bedeutenden Kollwitz-Orten in der Domstadt beschreibt – vom Wallraf-Richartz-Museum, das damals  noch über eine Kollwitz-Sammlung verfügte, zu den Kopien der Skulpturengruppe Trauernde Eltern in der Kirchenruine Alt St. Alban, durch die Schildergasse zum Barlach-Engel in der Antoniterkirche mit dem unverkennbaren Kollwitz-Gesicht, und nach einem Abstecher zum Grabmal Levy auf dem jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd zum Schluss in das Haus der Kreissparkasse Köln am Neumarkt, damals noch mit der im Entstehen begriffenen Kollwitz-Sammlung, die ja heute den Grundstock unseres Museums bildet. An all diesen Stationen kann man Käthe Kollwitz auch heute begegnen, ihrem Werk oder ihrem Wesen.
An eine Neuauflage der Broschüre als Printpublikation denken wir aber nicht. Vielmehr werden wir diesen Stadtführer Käthe Kollwitz in Köln bald kostenlos und für jedermann zugänglich anbieten: Im Zuge des Relaunch unserer Internetseite laden wir bald online zu diesem Stadtspaziergang ein, auch in französischer Sprache!

Zu unserem Bedauern ist diese große Künstlerin, die von 80 Jahren deutscher Geschichte zeugt, einem breiten französischen Publikum unbekannt. Kommt dies vielleicht daher, dass die Franzosen einen Künstler gerne mit einem Etikett versehen und Käthe Kollwitz in keine Kunstrichtung einzustufen ist, auch, wenn man sie oft als ‘Expressionistin’ bezeichnet?

5. Kann man sie einer «Kunstrichtung» zuordnen?

Kaum. Kollwitz wirkte in einer Zeit, die heute im Rückblick als künstlerische Moderne bezeichnet wird. Unter diesem Begriff versammeln sich zahlreiche »-ismen«, Etiketten, von denen alle und gleichzeitig keine auf Kollwitz zutreffen. Sie kommt aus der akademischen Tradition, hat Berührung mit dem Naturalismus, dem Realismus, dem Symbolismus, dem Expressionismus und und und… Letzten Endes entwickelt sie jedoch ihre eigene Handschrift zu einem unverwechselbaren Stil – und eben dies ist die Sprache, die uns bis heute berührt, zeitlos aktuell und länderübergreifend.

Das Georges de la Tour Museum in Vic sur Seille kann sich rühmen, 2012 eine Kollwitz-Ausstellung organisiert zu haben, die ein großes Echo fand. Der wunderbare Katalog enthält drei Artikel in französischer Sprache. Doch darüber hinaus wurde noch keine einzige, bedeutende Ausstellung über die Künstlerin in Frankreich gezeigt.

6. Wurden Sie anlässlich des 150. Jahrestages ihrer Geburt von einem französischen Museum angefragt, um bei einer umfassenden Ausstellung zu kooperieren?

Nein, es ist uns aber ein großes Anliegen, Käthe Kollwitz in unserem Nachbarland einem breiten Publikum vorzustellen. Tatsächlich wurde meines Wissens nach noch keine bedeutende monographische Ausstellung zum Kollwitz-Werk in Frankreich gezeigt. Wir kooperierten zwar z.B. im Jahr 2014 mit dem Musée du Louvre-Lens für die Ausstellung »Les Désastres de la guerre. 1800–2014« oder zuletzt im Jahr 2016 mit dem Jeu de Paume, Paris, für die Ausstellung »Soulèvements« – Kollwitz ist also durchaus keine gänzlich Unbekannte in Frankreich. Eine große Einzelausstellung steht jedoch noch aus. 

Umso mehr freuen wir uns, dass im Herbst 2017 – also noch im Jubiläumsjahr zum 150. Geburtstag von Käthe Kollwitz – ihre Tagebücher in einer französischen Übersetzung herausgegeben werden. Zu dieser Publikation steuern wir Photos aus dem Kollwitz-Nachlass und zahlreiche Abbildungen von Werken aus unserem Bestand bei. Mit Sicherheit ist dies ein erster bedeutender Schritt, um unseren französischen Nachbarn den Zugang zum Menschen Käthe Kollwitz zu öffnen und über ihre beeindruckende Persönlichkeit ihr künstlerisches Werk näher zu bringen.

7. Welchen zeitgenössischen französischen Künstler sähen Sie in einer vergleichenden Gegenüberstellung anlässlich einer Ausstellung, eines Buches, einer Konferenz oder auf jedwede andere Art?

Schon seit der Gründung des Museums präsentieren wir monographische Sonderausstellungen von Künstlern, die in einem Zusammenhang mit dem Kollwitz-Werk stehen. Die Künstlerin war ja zweimal in Paris, 1901 und 1904. Darum haben wir natürlich auch französische Zeitgenossen von Käthe Kollwitz gezeigt, etwa Théophile-Alexandre Steinlen (2000), Henri de Toulouse-Lautrec (2005), Honoré Daumier (2009) oder in unserer großen Ausstellung »Paris verzauberte mich« (2010) Pierre Bonnard, Edgar Degas oder Eugène Carrière und selbstverständlich Auguste Rodin. Gerade die Verbindung zwischen Rodin und Kollwitz ist ein Thema, das auch in Frankreich auf Interesse stoßen könnte. Hier freuen wir uns auf Kooperationen, gerne mit dem Musée Rodin in Paris, mit dem wir bereits 2010 erfolgreich zusammengearbeitet haben.

 

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